„… mit einer Hand taten sie die Arbeit, und mit der andern hielten sie die Waffe.“  (Neh. 4:11)

Diese Worte aus dem Buch Nehemia könnten auch als Überschrift zur christlich-wissenschaftlichen Pflege stehen. Wenn wir nun tiefer darüber nachdenken, werden wir feststellen, dass diese Worte eigentlich die gesamte Tätigkeit unserer Pflegerinnen und Pfleger beschreiben und umfassen.

Nehemia bezieht sich hier auf den Wiederaufbau der Stadtmauer Jerusalems und beschreibt in den Kapiteln drei bis sechs, wie die Juden die total niedergerissene Mauer wieder aufbauten, allen Behinderungen, Störungen und Anfeindungen zum Trotz. Sie taten zielstrebig und unverdrossen ihren Dienst, lieferten sich dabei aber nicht schutzlos den Angriffen aus, sondern verteidigten sich gleichzeitig gegen “listige Anschläge“ (Ps. 83:4) aus ihrer Umgebung.

Die „Waffe“ steht als Metapher einerseits für die aktive Verteidigung gegen massive Angriffe, andererseits aber auch für den ständig vorhandenen passiv wirkenden Schutz vor Attacken, die oft auf den ersten Blick gar nicht als solche erkannt werden. Im Epheserbrief (6:11) wird als „Waffe“ sogar eine vollständige „Waffenrüstung“ empfohlen, mit anderen Worten, Paulus hält eine umfassende Bewaffnung für erforderlich, um „… gegen die listigen Anläufe des Teufels bestehen“ zu können. Der Apostel rät hier zu einer klugen und ruhigen inneren Haltung.

Auf die christlich-wissenschaftliche Pflege übertragen heißt das: Während die Pflegerinnen und Pfleger alle erforderlichen praktischen Arbeiten für die Patienten erledigen, verteidigen sie gleichzeitig ihr Denken, um sich gegen die Attacken des sterblichen Gemüts zu schützen.

Auf den ersten Blick könnte man „schützen“ und „verteidigen“ als Synonyme ansehen. In der Tat umschreiben beide Begriffe Vorsichtsmaßnahmen, die vor etwas Bedrohlichem bewahren sollen, in der Anwendung unterscheiden sich beide allerdings etwas voneinander. Verteidigung meint ganz konkret die aktive Abwehr von akuten Angriffen, während Schutz etwas passiv Verhütendes ist, etwas, das Sicherheit bietet.

Pflegerinnen und Pfleger brauchen tatsächlich beides. Manchmal müssen sie sich gegen heftige Angriffe verteidigen, die zum Beispiel auf die Art und Weise der Pflege abzielen. Angehörige der Pflegegäste äußern zuweilen ihren Unmut darüber, dass keine Medizin verwendet wird. Darüber hinaus benötigen Pflegerinnen und Pfleger aber auch beständigen Schutz, um gegen die diversen „listigen Anschläge“ des sterblichen Gemüts gewappnet zu sein. Derartige Attacken können darin bestehen, dass – besonders wenn sich eine Behandlung länger hinzieht – die Kompetenz der Pflegeperson in Zweifel gezogen oder sogar die Wirksamkeit der christlich-wissenschaftlichen Pflege an sich in Frage gestellt wird. Die dritte und subtilste Form der Aggression kann sich im Bewusstsein der Pflegerin oder des Pflegers selbst entwickeln. Derartige Suggestionen könnten zum Beispiel als Gefühl der Unzulänglichkeit oder der inneren Leere, als Erschöpfung oder sogar als Mutlosigkeit auftreten.

Gegen alle Bedrohungen bietet die „Rüstung der LIEBE“ den sichersten Schutz. Mary Baker Eddy beschreibt diesen umfassenden Schutz so: „Bist du mit der Rüstung der LIEBE angetan, kann menschlicher Hass dich nicht erreichen.“ (Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 571:20-21) Mir gefällt an dieser Formulierung, dass sie neben dem von außen einwirkenden Hass auch den im eigenen Bewusstsein aufkeimenden Hass umfasst, wobei man unter Hass jede „hässliche“ Aktion verstehen sollte; dieser Begriff umfasst demnach auch alle oben angeführten Attacken.

Über den Schutz der „Rüstung der LIEBE“ wird auch im Brief an die Kolosser berichtet: „So zieht nun an, als die Auserwählten Gottes, … herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; … Über das alles aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist.“ (Kol. 3:12,14) An dieser Aufzählung erkennen wir deutlich, dass unsere Rüstung tatsächlich aus lauter Bestandteilen der Liebe zusammengesetzt ist. So gesehen kann die Rüstung nicht nur äußerlich angelegt, sondern sie muss ganz besonders innerlich getragen werden.

In der amerikanischen Bibel The Message liest sich dieser Satz so (freie Übersetzung): „Also, nachdem euch Gott für diese neue Liebe auserwählt hat, zieht die Garderobe an, die Gott für euch rausgelegt hat: Mitgefühl, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Sanftmut, Disziplin. … Und unabhängig davon, was ihr sonst noch anzieht, tragt Liebe. Das ist euer Basic. Eure Allzweckkleidung. Seid niemals ohne!“

Das heißt, wir sollten nie das Haus verlassen, ohne zuvor die Garderobe angezogen zu haben, die Gott für uns rausgelegt hat! Ist das nicht schön formuliert? Gott hat es uns schon zurechtgelegt. Wir müssen gar nicht lange überlegen, was wir heute anziehen wollen und ob wir das wirklich tragen können, denn Gott hat es für uns ausgewählt. Und das Beste ist: das Basic unserer Garderobe ist Liebe, wir müssen nur noch darauf achten, dass alles andere zur Liebe passt!

Bei genauer Überlegung könnte man sagen, dass die „Rüstung der LIEBE“ die ideale Berufskleidung für Pflegerinnen und Pfleger ist. Schauen wir uns doch einmal näher an, auf welche Weise diese Rüstung der Liebe in der christlich-wissenschaftlichen Pflege nützlich sein kann.

Als Beispiel drängt sich die sogenannte Corona-Pandemie geradezu auf. Seit Anfang 2020 ist das gesamte Leben von den Auswirkungen dieser Pandemie geprägt. Die Politik sah sich genötigt, viele einschneidende Regelungen anzuordnen. Fast alle Lebensbereiche waren und sind davon betroffen, insbesondere das Gesundheitswesen. Das wirkt sich natürlich auch auf die christlich-wissenschaftliche Pflege und auf die hier tätigen Menschen aus. Allerdings sind unsere Pflegerinnen und Pfleger gerade wegen der Art und Weise ihrer Berufsausübung die besten „Abwehr-Kräfte“ gegen eine Pandemie. Denn gerade in schwierigen Zeiten ist das, was sie tun und wie sie es tun, exakt das, was gebraucht wird. Da sie bei ihrer Arbeit immer mit der einen Hand die Waffe halten (s. Neh. 4:11), sind ihre Gedanken immer eine sichere Schutzwehr – und das nicht nur für sich selbst. Ob sie im persönlichen Einsatz sind oder für die Welt beten, diese Waffe ist ihr ständiger Begleiter, denn es ist fester Bestandteil ihrer Aufgabe, das eigene Denken immer auf Gott ausgerichtet zu halten. Dadurch werden alle, auf denen ihre Gedanken ruhen, gesegnet (s. Die Erste Kirche Christi, Wissenschafter und Verschiedenes von Mary Baker Eddy, S. 210: 11-12). Die beiden herausragenden Themen in der Pandemie waren und sind zum einen die allgemeine Angst und zum anderen die hohe Ansteckungsgefahr. Schauen wir uns einmal an, welche geeigneten „Waffen“ die Christliche Wissenschaft hierfür anbieten kann.

Wie man sich und andere vor Ansteckung schützt, gehört eigentlich zum Grundwissen eines jeden Christlichen Wissenschaftlers. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass die Ursache einer jeden Krankheit mental ist. Deshalb empfiehlt Mary Baker Eddy: „Steh Wache an der Tür des Denkens. … Ist die Bedingung gegeben, die deiner Meinung nach Krankheit verursacht, sei es die Luft, [oder]… Ansteckung …, so erfülle deine Aufgabe als Türhüter und schließe diese ungesunden Gedanken und Befürchtungen aus. Halte die schädlichen Irrtümer vom sterblichen Gemüt fern; dann kann der Körper nicht unter ihnen leiden.“ (W&G S.392:26-34)

Die Hauptaufgabe einer christlich-wissenschaftlichen Pflegeperson ist tatsächlich die eines Türhüters, d.h. sie achtet darauf, dass die falschen „ungesunden Gedanken“ gar nicht erst hereinkommen. Statt dessen wird sie „… die Wahrheit mit Fluten der LIEBE einströmen … lassen“ (W&G S. 201:17) und zwar mit großer Gelassenheit, weil sie weiß: „WAHRHEIT handhabt die bösartigste Ansteckung mit vollkommener Sicherheit.“ (W&G S. 176:32)

In dem Artikel „Christlich-wissenschaftliches Heilen“ schreibt Mrs. Eddy, dass es geradezu „[absurd wäre, zu glauben], der Schöpfer des Menschen sei der Zerstörung von Krankheitskeimen nicht gewachsen“. (Versch. S. 219:14-16) Mit diesem und ähnlichen Zitaten haben die Christlichen Wissenschaftler und im Besonderen die Pflegerinnen und Pfleger genügend Argumente an der Hand, um sie als spezifische „Waffen“ gegen die Gefahr einer Ansteckung für sich und ihre Lieben einsetzen zu können.

Das große negative Begleitthema der Corona-Pandemie war und ist die Angst. Jeder Christliche Wissenschaftler weiß: „Furcht ist die Quelle der Krankheit …“ (W&G S. 391:33). Die Bekämpfung der Furcht ist daher die erste und wichtigste Aufgabe eines jeden Christlichen Wissenschaftlers. Deshalb beginnt die „christlich-wissenschaftliche Praxis mit Christi Grundton der Harmonie: ‚Fürchtet euch nicht!‘“ (W&G S. 410:30-1) Die beste und wirkungsvollste Waffe gegen Furcht ist Liebe. Das schrieb bereits der Apostel Johannes, darauf beruft sich auch Mrs. Eddy in Wissenschaft und Gesundheit: „Furcht ist nicht in der LIEBE, sondern die vollendete LIEBE treibt die Furcht aus … “ (W&G S.410:19-20).

Auch in dem Artikel „Ansteckung“ weist Mrs. Eddy auf die Macht hin, die Liebe über Furcht hat: „Ein ruhiger, christlicher Gemütszustand ist ein besseres Vorbeugungsmittel gegen Ansteckung als Arznei oder jede andere mögliche Gesundheitsmaßnahme; und die ‚völlige Liebe‘, die ‚die Furcht austreibt‘, ist eine sichere Schutzwehr.“ (Vermischte Schriften 1883-1896 von Mary Baker Eddy S. 229:27) Auch hier wird erneut deutlich, dass man mit der Rüstung der Liebe bestens ausgestattet ist.

In Grundzüge der Göttlichen Wissenschaft von Mary Baker Eddy finden wir den folgenden, sehr aufschlussreichen Hinweis auf die Wirkungsweise der Furcht: „Krankheit ist etwas Gedankliches, das sich am Körper kundtut; und Furcht erzeugt das Denken, das Krankheit und Leiden hervorruft.“ (S. 10:19-21)

Allerdings lesen wir Mrs. Eddy‘s wirklich aussagekräftige Formulierung nur im englischen Originaltext, dort heißt es nämlich: „… fear is the procurator …”, also: „Furcht ist der Anwalt.“ Wörtlich übersetzt würde der ganze Satz dann so lauten: „Furcht ist der Anwalt des Gedankens, der Krankheit und Leiden hervorruft.”

Im Falle der Pandemie ist der Mandant das Coronavirus. Sein Anwalt, nämlich Furcht oder Angst, setzt sich für dessen Anliegen ein. Das größte Anliegen eines Virus ist seine Verbreitung! Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass der Anwalt des Coronavirus gute Arbeit zu leisten scheint. Der Ausdruck Corona ist das derzeit am meisten verwendete Wort in den Medien. Jede Meldung dreht weiter an der Schraube der Angst, sie spielt, wie wir wissen, in der Pandemie eine herausragende Rolle.

Die Wirkung solcher Medienarbeit hat Mary Baker Eddy so beschrieben: „Die Presse verbreitet unwissentlich viel Kummer und Krankheit unter den Menschen. Sie tut das, indem sie Krankheiten Namen gibt und lange Beschreibungen druckt, durch welche sich die Krankheitsbilder deutlich im Denken abspiegeln. Ein neuer Name für ein Leiden wirkt auf die Menschen wie ein Pariser Name für ein neues Kleid. Jeder beeilt sich, es zu bekommen. Eine ausführlich beschriebene Krankheit kostet manchen sein irdisches Wohlergehen. Welch ein Preis für menschliches Wissen!“ (W&G S. 196:31-7)

Das klingt zwar leicht ironisch, zeigt aber in aller Deutlichkeit die Wirkungsweise der Angst. Wie gut, dass wir Christliche Wissenschaftler und an vorderster Front unsere Pflegerinnen und Pfleger die Rüstung der Liebe tragen und die richtigen und wirkungsvollsten Waffen kennen und anwenden.

Im Verlauf der Pandemie ergaben und ergeben sich weitere Probleme, die die Welt beschäftigen und zu denen auch die christlich-wissenschaftliche Pflege Stellung beziehen muss. Eine der dringlichsten Fragen ist derzeit die nach Impfung. In dem bereits zitierten Artikel „Christlich-wissenschaftliches Heilen“ hat Mary Baker Eddy darauf die folgende Antwort gegeben: „Ich habe meiner Meinung über die Vorkehrungen gegen die Verbreitung sogenannter ansteckender und übertragbarer Krankheiten mit folgenden Worten öffentlich Ausdruck gegeben: ‚Anstatt sich über Impfung zu beklagen, sollte man, falls das Gesetz es fordert, sich dieser Maßnahme unterziehen, um dem Gesetz zu genügen, und sich dann dem Evangelium zuwenden, um vor schlimmen körperlichen Folgen bewahrt zu bleiben.‘“ (Versch. S. 219:31-2)

Das sind klare und hilfreiche Aussagen: wenn es das Gesetz vorschreibt, wird sich der Christliche Wissenschaftler der Impfung unterziehen; solange das aber nicht der Fall ist, kann jeder Einzelne auf die Führungen des göttlichen Gemüts lauschen und dann die für sich richtige Entscheidung treffen. Wie die Entscheidungen auch immer ausfallen mögen, für unsere Pflegerinnen und Pfleger gilt: sie werden nie die Waffe aus der Hand legen, die ihre Verbundenheit mit Gott aufrecht hält.

In dieser Pandemie zeigt sich überdeutlich ein grundsätzliches Problem – und das ist der Mangel. Wohin man auch schaut, es mangelt an allen Ecken und Enden! Für einen Christlichen Wissenschaftler ist das allerdings keine Überraschung, denn er weiß, dass alle materiellen Mittel und Methoden endlich sind und sie somit das Problem des Mangels in sich tragen.

Im Gegensatz dazu kommen in der christlich-wissenschaftlichen Pflege ausschließlich die unendlichen geistigen Mittel der Seele zum Einsatz, sie sind immer und für jedermann und an jedem Ort und in reichem Maße verfügbar. Dieses Wissen hebt die Christliche Wissenschaft aus einer defensiven Haltung heraus und in die Offensive hinein! Im Liederbuch der Christlichen Wissenschaft (Nr. 40) heißt es: „Kommt, ihr Bekümmerten, … hier ist der Überfluß, den Gott erteilt; …“. Wir haben etwas zu bieten! Wir dürfen rufen! Und wir werden gerufen! Und wir kommen!

Das Evangelium nach Johannes (Joh. 15:26) verkündet einen „Tröster“, der kommen wird. Das zugrundeliegende griechische Wort ist „parakletos“ und bedeutet wörtlich übersetzt: der Herbeigerufene. Ist das nicht eine treffende Bezeichnung für unsere Pflegerinnen und Pfleger? Sie sind Herbeigerufene. Sie sind „der Tröster, [der] kommen wird“.

 

 

Margot Ruck CS